Prävention sexuellen Missbrauchs muss Schule machen

Ein schulisches Schutzkonzept ist die Basis einer strukturierten präventiven Arbeit gegen sexuellen Missbrauch, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt.

"Mit der Initiative 'Schule gegen sexuelle Gewalt' möchte ich Schulleitungen und Kollegien ermutigen und fachlich unterstützen, sich mit dem komplexen und sehr emotionalen Thema sexueller Kindesmissbrauch professionell auseinanderzusetzen. Mein Ziel ist es, dass alle Schulen Konzepte zum Schutz vor sexueller Gewalt (weiter-)entwickeln und sie gelebter Alltag in jeder Schule werden. Nur durch das Engagement jeder Schule kann es schrittweise zu einem Rückgang der nach wie vor sehr hohen Fallzahlen und zu schnelleren und besseren Hilfen für betroffene Mädchen und Jungen kommen." (Rörig 2016)

Erste Schritte

Die Entscheidung für mehr Schutz, mehr Hilfe und mehr Unterstützung

Ist die Entscheidung zur Entwicklung und Umsetzung eines Schutzkonzeptes für eine Schule gefallen, ist es unabdingbar, eine entsprechende Kultur in der Schule zu verankern und zu leben, die dies ermöglicht, begleitet und stützt. Es ist eine Frage der Kultur, der Schulkultur, ob die Entwicklung und erfolgreiche Umsetzung eines Schutzkonzeptes gegen sexuellen Missbrauch und sexuelle Gewalt gelingen wird, gelebt werden kann und sich weiterentwickeln darf. 

Schulkultur

Ohne eine entsprechende Kultur des Willens und der Einsicht in die Notwendigkeit der Mitarbeiter einer Schule, kann und wird eine gelebte und nachhaltige Umsetzung von Schutzkonzepten in Schule nicht gelingen. Eine Schulkultur, die sich gegen sexuelle Übergriffe, gegen sexuellen Missbrauch und gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche stellt, muss in der jeweiligen Einzelschule vorhanden, ausgebaut und gelebt werden. Fehlt diese Kultur, ist der erste Schritt zu mehr Schutz der Schülerinnen und Schüler, eine eben solche Kultur zum Leben zu bringen.


Risikoanlyse

Bevor mit der Konzeptualisierung eines Schutzkonzeptes begonnen werden kann, muss eine Analyse der möglicherweise bestehenden Risiken der Schule, die sexuellem Missbrauch oder sexueller Gewalt förderlich sind, erfolgen. Die Ergebnisse dieser Analyse sind unbedingter Bestandteil der Entwicklung des jeweiligen Schutzkonzeptes dieser Einzelschule.

Potenzialanalyse

Neben der Analyse der möglicherweise Missbrauch und Übergriffe förderlichen Strukturen und Prozesse innerhalb der Institution Schule sind genauso aber auch möglicherweise bereits bestehende Strukturen und Prozesse der Schule zu erkennen und genauer zu betrachten, die sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt bereits entgegenwirken.



Bestandteile schulischer Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt und Missbrauch

 in Anlehnung an die Empfehlungen des UBSKM (2016) 

  • Leitbild
  • Verhaltenskodex
  • Selbstverpflichtungserklärung
  • Interventionsplan
  • Kooperation
  • Fortbildung
  • Partizipation
  • Präventionsangebote
  • sexualpädagogisches Konzept
  • Beschwerdeverfahren
  • Ansprechpartner
  • Informationsveranstaltungen

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Leitbild

Leitbild zur Verantwortungsübernahme des Schutzes von Schülerinnen und Schülern vor sexuellen Übergriffen, sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt.



Verhaltenskodex

Schulspezifischer Orientierungsrahmen für die Mitarbeitenden zum grenzachtenden Umgang mit Schülerinnen und Schülern.

  • enthält Regelungen und Verbote für Situationen, die für sexuelle Gewalt leicht ausgenutzt werden könnten
  • Regeln zielen auf den Schutz vor sexuellem Missbrauch und zugleich auf den Schutz der Mitarbeitenden vor falschem Verdacht
  • der Verhaltenskodex ist für alle Beschäftigten verpflichtend


Selbstverpflichtungs- erklärung

Selbstverpflichtungserklärung, in der sich alle in der Schule Beschäftigten durch Unterschrift zur Einhaltung des formulierten Leitbildes und zur Einhaltung der Regeln per Verhaltenskodex verpflichten.



Interventionsplan

Schriftlich festgelegtes Verfahren, welches sich an den spezifischen Bedingungen der Schule orientiert.

  • legt das Vorgehen in einem Verdachtsfall fest
  • enthält ein Rehabilitationsverfahren für den Fall einer falschen Verdächtigung gegen Mitarbeitende oder Schülerinnen und Schüler
  • enthält die Verpflichtung zur Aufarbeitung von Fällen sexueller Gewalt durch Mitarbeiter der Schule und von Schülern untereinander
  • Die Analyse der Bedingungen, die einen Vorfall ermöglicht haben, werden Bestandteil der kontinuierlich fortzuschreibenden Risikoanalyse


Kooperation

Kooperation mit Fachberatungsstellen oder qualifizierten schulberatenden Diensten zur Beratung und Unterstützung der Schule:

  • bei der Erstellung des schulspezifischen Schutzkonzeptes
  • zur Entwicklung des passgenauen Interventionsplans
  • bei Verdachtsfällen Einbeziehung einer Fachberatungsstelle zur Falleinschätzung und Entscheidung zum weiteren Vorgehen
  • zur Verhinderung eines internen Vorgehens, das den Ruf der Schule über das Kindeswohl stellt
  • dient der Vermeidung von Fehlentscheidungen
  • Kooperation mit Fachberatungsstelle zur pädagogischen Prävention


Fortbildung

Grundlagenwissen über sexuellen Missbrauch und sexuelle Gewalt ist für alle in Schule Beschäftigten unerlässlich.

  • für alle schulischen Beschäftigten Mindeststandard für Grundlagenwissen festgelegt
  • Fortbildungen finden wiederholt statt
  • Ausrichtung am Fortbildungsbedarf der Beschäftigten zur Erreichung und Vertiefung des Basiswissens


Partizipation

Art und Weise sowie Umfang der schulischen Mitbestimmung durch die Schülerschaft wird geregelt und schriftlich festgelegt.

  • erleichtert Schülerinnen und Schülern den Zugang zu ihren Rechten
  • ermutigt sie, sich bei Problemen Hilfe und Unterstützung zu holen
  • die systematische Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Entscheidungen, die sie betreffen, stärkt deren Position und verringert das Machtgefälle zwischen Lehrkräften und Schülern und Schülerinnen


Präventionsangebote

Pädagogische Prävention sexueller Gewalt muss im Schulalltag stattfinden und ist nicht auf einzelne Veranstaltungen reduziert.

  • mit dem Format des Unterrichts bietet Schule eine besondere Chance
  • Festlegung und Planung, welche Präventionsangebote wie Workshops, Theaterstücke oder Unterrichtseinheiten in welchen Jahrgangsstufen entwicklungsorientiert stattfinden und welchen Qualitätskriterien die Angebote unterliegen müssen
  • konkrete Präventionsangebote haben in regelmäßigen Abständen stattzufinden
  • Präventionsangebote unmittelbar in sexualpädagogische Arbeit zu integrieren, nicht ratsam
  • Kinder profitieren am meisten von Angeboten zum Schutz vor sexueller Gewalt, wenn sie vorher eine ganzheitlich und positiv orientierte Sexualerziehung erfahren haben


sexualpädagogisches Konzept

Das Schutzkonzept umfasst ein sexualpädagogisches Konzept.

  • der Sexualerziehung ist im Rahmen des Lehrplans angemessene Bedeutung zu geben
  • fächerübergreifend im Schulalltag auf sexuelle Themen einzugehen
  • vermittelt den Schülerinnen und Schülern fundierte Informationen, Kompetenzen und Werte im Umgang mit Körper, Sexualität und Beziehungen
  • auf sexuelle Übergriffe durch Schüler und Schülerinnen fachlich angemessen reagieren zu können


Beschwerdeverfahren und Ansprechpartner

Die Schule muss über ein Beschwerdeverfahren verfügen.

  • unter der Beteiligung der Schüler und Schülerinnen zu entwickeln
  • Benennung von Ansprechpersonen innerhalb und außerhalb der Schule, an die sich Kinder, Jugendliche, Fachkräfte und Eltern im Fall einer Vermutung von sexueller Gewalt, sexueller Grenzüberschreitung oder sexuellem Missbrauch wenden können
  • die Schülerschaft ist über externe Hilfestrukturen wie Fachberatungsstellen und Hilfetelefone oder -­portale zu informieren


Informations-veranstaltungen

Einbeziehung der Eltern und ihre Unterstützung für das Schutzkonzept als ein wesentlicher Bestandteil von Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch.

  • eigene Angebote für diese Zielgruppe, die Wissensvermittlung über sexuelle Gewalt, sowie Anregungen für eine eigene präventive Erziehungshaltung bieten
  • Präventionsangebote für Eltern so gestalten, dass sich alle Eltern unabhängig von Bildungsgrad oder kultureller Herkunft angesprochen fühlen
  • mindestens im Vorfeld von Präventionsprojekten für Schülerinnen und Schüler muss es Elternabende oder vergleichbare Angebote geben

 

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Quellen

Rörig, Johannes-Wilhelm, 2016: Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt. Online verfügbar unter: https://www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de/home/, Abruf 12.10.2016.

 

UBSKM – Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (Hrsg.), 2016a: „Was muss geschehen, damit nichts geschieht“ Schutzkonzepte helfen, Schülerinnen und Schüler vor sexueller Gewalt zu schützen. Informationen zu den Bestandteilen von Schutzkonzepten. Broschüre. Online verfügbar unter: https://www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de/fileadmin/Inhalte/PDF/Downloads/UBSKM_P2_148x210_Flyer_ICv2_RZ14_sRGB.pdf, Abruf 12.10.2016.